Wir haben niemanden mit Diagnose im Team. Ist das trotzdem relevant?
Mit hoher Wahrscheinlichkeit habt ihr Menschen im Team, die es nicht wissen oder es nicht sagen. Erwachsene Diagnosen kommen spät, und wer sie hat, geht damit selten hausieren. Der wichtigere Punkt: Alles, was ich verändere, hilft auch neurotypischen Menschen. Weniger Unterbrechungen, klarere Zuständigkeiten und schriftlich dokumentierte Entscheidungen hat noch nie jemand bereut.
Muss sich dafür jemand outen?
Nein, und ich rate meistens davon ab, es zur Bedingung zu machen. Meine Gespräche sind vertraulich, und im Bericht steht nie, wer was gesagt hat. Der Umbau des Systems funktioniert vollständig anonym – das ist einer der Gründe, warum ich strukturell arbeite und nicht am einzelnen Menschen.
Ist das nicht einfach gutes Projektmanagement?
Zu einem Teil ja – und das ist keine Schwäche, sondern der Grund, warum es funktioniert. Der Unterschied liegt in der Begründung und in den Details: Klassisches Projektmanagement optimiert auf Durchsatz und Kontrolle. Ich optimiere auf kognitive Last. Das führt bei manchen Entscheidungen zum genau gegenteiligen Ergebnis – etwa bei der Frage, ob ein tägliches Stand-up Sicherheit schafft oder Fokus zerstört.
Wir arbeiten mit Scrum, weil unsere Kunden es verlangen. Geht das zusammen?
Ja. Agile Methoden sind nicht das Problem – die Meetingdichte ist es, die sich um sie herum ansammelt. Scrum funktioniert hervorragend als schützender Rahmen, der Prioritäten klärt und den Rücken freihält. Wir behalten die Zeremonien, die genau das leisten, und schaffen den Rest ab oder fangen ihn schriftlich auf.
Ich bin selbst betroffen und will kein Firmenprojekt daraus machen. Geht das?
Ja, das ist der Normalfall im Mentoring. Wir arbeiten zu zweit an deiner Woche, deinen Werkzeugen und deiner Art zu führen. Dein Arbeitgeber erfährt davon nichts, es sei denn, du willst es. Es gibt keinen Bericht, keine Rückmeldung an Dritte und keine Verbindung zu einem Unternehmensmandat.
Wir wollen erst mal nur einen Vortrag. Ist das zu wenig?
Nein, und ich versuche auch nicht, daraus im Gespräch ein Audit zu machen. Ein Vortrag oder Workshop-Tag ist für viele Teams genau richtig: Er schafft eine gemeinsame Sprache, und ohne die ist jede weitere Maßnahme wackelig. Manche Teams kommen später mit mehr zurück, viele setzen die Maßnahmenliste selbst um. Beides ist ein gutes Ergebnis.
Machst du auch Therapie oder Diagnostik?
Nein, beides ausdrücklich nicht. Ich bin weder Therapeut noch Arzt, ich stelle keine Diagnosen und behandle nichts. Ich arbeite an Arbeitssystemen. Wenn im Verlauf klar wird, dass jemand therapeutische oder diagnostische Unterstützung braucht, sage ich das offen und helfe bei der Frage, wo man sie bekommt.
Wie lange dauert es, bis sich etwas verändert?
Die ersten Sofortmaßnahmen wirken innerhalb von zwei Wochen – meist die, die etwas wegnehmen statt etwas hinzufügen. Kulturelle Veränderungen brauchen ein bis zwei Quartale, weil sie erst dann halten, wenn sie den ersten stressigen Endspurt überlebt haben. Deshalb messe ich nach drei Monaten noch einmal nach.
Wir sind ein kleines Team. Lohnt sich ein Audit überhaupt?
Unter etwa zehn Personen ist ein volles Audit oft überdimensioniert – da fängt Empathie noch vieles ab. Sinnvoller sind dann ein Workshop-Tag und ein paar klare Vereinbarungen, oder Mentoring für die Person, bei der die Last zusammenläuft. Der beste Zeitpunkt für ein Audit ist die Wachstumsphase: wenn Prozesse gerade entstehen und noch nicht in Beton gegossen sind.